la couverture du Culture En Jeu N°60

Le numéro 60 vient de paraître !

Au sommaire :

  • Édito : Descendre dans l'arène (Chantal Tauxe)
  • Dossier : 12 pages sur les Artistes engagés
  • Théâtre, le retour des troupes
  • La guerre des plateformes
  • À Villars-sur-Glâne en attendant Noël
  • Pratique du droit d’auteur
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Es war einmal

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Es war einmal eine Schweiz, der es recht gut ging, besser jedenfalls, als vielen andern Ländern. Für dieses Wohlergehen, gab es eine Menge Gründe. Die Menschen, die in dieser Schweiz lebten, waren tüchtig und zuweilen auch schlau. Sie investierten in Bildung und Forschung. Sie waren lange von Kriegen oder anderen grossen Katastrophen verschont geblieben. Aber vor allem pflegten sie einen speziellen Umgang untereinander. Ihre Geschichte hatte sie gelehrt, aufeinander Rücksicht zu nehmen und unterschiedliche Meinungen zu respektieren. Es gehörte zu den Traditionen dieses Landes, dass die Menschen den Dialog pflegten, sich austauschten und einander zuhörten. Während vielen Jahrzehnten achteten Schweizerinnen und Schweizer darauf, Minderheiten und Andersdenkende nicht auszugrenzen, sondern einzubinden. Sie entwickelten übung darin, einen Konsens zu finden. Und wenn es dennoch Uneinigkeiten gab, wurden nicht radikale Entscheidungen getroffen, sondern Kompromisse gesucht. Das war manchmal langweilig, aber es funktionierte in der Regel recht gut. Und es war wichtig, weil dieses Land weder aus sprachlichen, noch aus ethnischen, konfessionellen oder geografischen Gründen eine Einheit bildet. Die Schweiz war nur deshalb ein geeintes Land, weil ihre Bewohnerinnen und Bewohner dies wollten.

Irgendwann aber begannen sich einzelne Menschen in diesem Land zu langweilen. „Warum müssen wir Schweizer immer so vernünftig sein?“, fragten sie sich. „Wie viel spannender wäre es doch“, dachten sie, „wenn wir einen aggressiveren Umgang miteinander pflegen würden! Wie schön wäre es, wenn wir politische Gegner diffamieren könnten und aufhören würden, den althergebrachten Gemeinsinn hochzuhalten. Wie toll wäre es, wenn wir - wie andere Länder auch - unsere Demagogen und Populisten hätten! Wie viel aufregender könnte unser Land sein, wenn wir egoistischer wären und statt für Ausgleich für Spaltung sorgten!“

Also begannen immer mehr Leute im Land, Errungenschaften zu verteufeln, die dieses Land ausgemacht hatten. Zu diesem Zweck mussten neue Begriffe eingeführt und die Sprache angepasst werden, was bald auch geschah. Aus Bedürftigen wurden Sozialschmarotzer. Aus Asylsuchenden wurden Wirtschaftsflüchtlinge. Aus denen, die sich für das Gemeinwesen einsetzten, wurde die Classe-Politique. Aus der Bevölkerung wurde das Volk. Und um zu unterscheiden, zwischen denen, die seit der Schöpfung der Welt einen Schweizer Pass besitzen und denen, die den Pass erst danach erlangt haben, wurde in der Deutschschweiz für erstere der Begriff Eidgenosse reaktiviert.

Jene, die angetreten waren, die alten Schweizer Werte mit Füssen zu treten, nannten sich fortan Patrioten. Wann immer sie bei einem Volksbegehren mehr als 50 Prozent der Stimmen erreichten, sollte die andere Hälfte der Bevölkerung kuschen.

Doch irgendwann merkten die sogestimmten Menschen, dass ihnen durch das Verachten alter Werte wie Dialogfähigkeit oder Solidarität allmählich die Heimat abhanden kam. Diesen Mangel an Heimatgefühl versuchten sie durch einen fast religiösen Hass auf Europa und die ganze Welt zu kompensieren. Gleichzeitig begann im Land ein grosser Aufschwung äusserlicher Zeichen und Symbole, die den Mangel an Heimatgefühl hätten überdecken sollen. Doch die aus Plastikkühen, Heimatpop, Bergfilmen und Edelweisshemden zusammengebastelte Swissnes, vermochte den verlorenen Gemeinschaftssinn nicht zu ersetzen.

Die Führungsriege dieser selbsternannten Patrioten begann zu verstehen, was sie angerichtet hatte. „Wenn wir ohnehin schon beinahe alles verteufelt haben, was dieses Land zusammenhält“, sagten sie sich, „könnten wir jetzt eigentlich auch noch gegen das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen vorgehen! Räumen wir restlos auf mit allem, was diesem Land noch ein bisschen Zusammenhalt gibt!“

© Pedro Lenz. Reproduction des textes autorisée uniquement avec l’accord de l’éditeur et avec la citation de la source. Les illustrations sont la propriété de leurs auteurs respectifs.


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